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Intro


Lily

(lat. Introire)

Setzt die Grundstimmung eines Songs, spielt mit später tragenden Elementen, führt Atmosphäre und Klangfärbung ein. Öffnet das Herz des Hörenden für die erste Strophe.

Callaghan, Fay: Handbuch für moderne Songwriter, 2. Auflage, S. 21

Vermutlich ist es nicht hilfreich, dass meine Drumsticks pink sind. Oder dass ich ausschließlich „Cotton Eye Joe“ in Endlos-Schleife höre, während der Bus sich durch den staubigen Stau schiebt. Vermutlich alles Menschen, die müde und genervt am Steuer sitzen und nach einem langen Tag nach Hause fahren. Es gelingt mir einfach nicht, in die richtige Stimmung zu kommen. Mein Blick wandert zur Uhr am Handgelenk meines Sitznachbarn, der zu laut atmet und zusätzlich bei jedem dritten Atemzug schmatzt. Unbarmherzig rücken die Zeiger vorwärts, unberührt vom Stillstand des Verkehrs und dem wachsenden Druck in meiner Brust. Wenn es so weitergeht, werde ich die Audition verpassen. Und das war es dann mit dem aufregenden neuen Kapitel meines Lebens. „Cotton Eye Joe“ beginnt von vorn. Nervös streiche ich über die Enden meiner Drumsticks, die aus dem Rucksack ragen, und versuche, mein dunkles, schulterlanges Haar zu glätten.
„Lily, die werden dich nicht ernstnehmen, wenn du mit pinken Sticks auftauchst“, hat mein Bruder Chris beim Frühstück gesagt.
„Keiner hat Bock auf Mädchen-Mädchen am Schlagzeug.“
Halb-Bruder, korrigiere ich gedanklich. Aber das hilft auch nicht, die selbstbewusste Stimmung zu beschwören, die ich mir einen Hauch zu verzweifelt herbeisehne. Chris hat letztes Jahr ein Stipendium erhalten und studiert Schlagzeug und Percussion an der Milton. Bereits vorher hat ein selbstgefälliges Lächeln in seinem Mundwinkel gehangen, nun ist er nahezu unausstehlich. Sein Instagram-Feed ist gepflastert mit mehr oder weniger geschmackvollen Selfies, Nahaufnahmen seiner Hände, Reels, in denen er virtuos Soli trommelt – und Bildern, die ihn in Boxershorts zeigen, wie er kocht, trainiert oder philosophisch sinnierend in die Ferne stiert. Ich hasse es, dass niemandem auffällt, wie viele Filter Chris über seine kaum vorhandenen Bauchmuskeln legt. Und noch mehr hasse ich es, dass unser Vater unter jeden Beitrag drei Herzchen setzt, als sei er ein hysterisches Fangirl und Chris sein erster Schwarm.
Keine Zeit für traumatisierendes Familien-Gedöns. Der Bus setzt sich in Bewegung, obwohl alle übrigen Autos weiterhin im Stau ausharren. Ich stelle mir vor, wie die Reifen des riesigen Fahrzeugs die kleinen metallisch glänzenden Autos unter sich begraben und zermalmen. Erstaunlicherweise tragen Gewaltfantasien eher zur benötigten Stimmung bei als „Cotton Eye Joe“, Familiendrama oder die Farbe Pink.

Crush me
Crunch me
Shatter me
Do it fast
Or it will be the last
Mistake
You’ll ever make

Schnell kritzele ich die Zeilen in mein glitzerndes Notizbuch, bereue einen Moment, dass es blau und nicht pink ist, und schrecke hoch, als der Busfahrer meine Haltestelle ansagt. Ich raffe meine Sachen zusammen, Rucksack, Notizbuch, Wasserflasche, Müsliriegel, vergesse um ein Haar meinen Stift am Fenster, zwänge mich an meinem schmatzenden Nachbarn vorbei und schwanke durch den Gang in Richtung Tür. Ich drücke den Halteknopf mit der Schulter und ächze, als mich außerhalb des klimatisierten Busses die drückende Juli-Wärme empfängt. Als würde mir jemand ein warmes, feuchtes Handtuch ins Gesicht pressen. Wenigstens schwindet die Sonne langsam. Ich sehe zu, wie der Bus langsam um die Ecke kriecht und straffe mich. Nachdem ich alles wieder eingepackt habe, setze ich den Rucksack auf und sehe mich um. Die Audition findet in einem versteckt liegenden Gebäudekomplex statt, hinter den Ladenzeilen und Versicherungsbüros. Auf dem Boden liegt ein Flyer in dunkelblau und orange, auf ihm prangt in neonfarbenen Buchstaben:

Rock my World
The only Competition you’ll ever need to kickstart your Dream.

„Crush me, crunch me, shatter me“, murmele ich, steige über den Flyer hinweg und halte auf die Ladenzeile zu. Wenn Chris nicht so furchtbar wäre, könnte ich ihn bitten, mir einen Backing Track einzuspielen, zu dem ich den Song schreiben kann. Als Schlagzeugerin habe ich keine Ahnung von Akkorden und Harmonien, meine Texte schreibe ich basierend auf Rhythmus und Gesangsmelodie, was dazu führt, dass sich haufenweise halb ausgereifte Ideen und Textfetzen in meinem Notizbuch tummeln. Das Wunderkind Chris spielt natürlich zusätzlich Gitarre. Aber ich sehe schon vor mir, wie sein ewiges, egomanisches Lächeln über sein Gesicht krebst und seine Augen zum Blitzen bringt. Augen, die tiefblau sind, wie die meinen. Es ist unsinnig, das weiß ich selbst. Aber in meinem Kopf wären die Dinge viel einfacher, wenn wir nicht beide die durchdringenden Augen unseres Vaters geerbt hätten. Keine Zeit für Familien-Gedöns.
Der Stau hat mich aufgehalten und ich muss den richtigen Proberaum finden. Die Dämmerung setzt bereits ein. Im Laufen greife ich an die Gesäßtasche meiner Shorts und bleibe wie angewurzelt stehen. Wo ist mein Smartphone? Ich stecke die zweite Hand in die andere Tasche, klopfe die Seiten meiner Hüfte ab und drehe mich um die eigene Achse. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich das Handy zur Seite gelegt hab, neben meinen Hintern auf den Sitz. Es hat unangenehm gedrückt beim Sitzen. Und nun ist es gemeinsam mit dem Bus im Schneckentempo um die Ecke geschlichen und aus meinem Leben verschwunden. Weil mein Hintern zu empfindlich gewesen war.
Ich bin so sauer. Und in meinem Hals sitzt ein dicker Kloß, den ich nicht hinunterschlucken kann. Ich räuspere mich und setze den Rucksack ab, um ihn zu durchwühlen. Ich weiß, mein Handy ist verschwunden, doch ich bin es diesem kleinen, treuen Begleiter schuldig, wenigstens anständig zu suchen. In meinem Rucksack kullert einiges herum: Gummi-Twist, kleine Gummibärchen-Tüten, Glitzersteine, haufenweise Zettel mit Herzchen und krakeligen Buchstaben, ein Chiffon-Tuch, Murmeln – sag mir, dass du in einer Kita arbeitest, ohne mir zu sagen, dass du in einer Kita arbeitest – aber nichts, was mir in dieser Situation weiterhelfen könnte.
Ich starre tatenlos zum Horizont und fühle mich von der Sonne im Stich gelassen. In Ermangelung an Alternativen öffne ich die erste Tüte Gummibärchen, setze mich auf den Boden und esse die Grünen zuerst. Dann spähe ich in das Tütchen und atme tief durch. Was sind meine Optionen?
„Wenn das nächste rot ist, gehe ich nach Hause. Wenn das nächste gelb ist, klopfe ich an jede Tür.“
Mit geschlossenen Augen angele ich nach den klebrigen Bären und fahre zusammen, als eine tiefe Stimme hinter mir erklingt.
„Und was ist mit Orange?“