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Kapitel 1


Simon

Tief ziehe ich den Atem durch die Nase ein – bis in den Bauch – und stoße ihn durch den Mund wieder langsam aus. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 …
„Nun hab dich doch nicht so. Es war doch nur ein Gig in einer stinkenden Bar!“, schmettert mir Penelope in ihrer üblichen schnippischen Art aus der anderen Ecke des Raumes entgegen. Zum Glück stehe ich gerade mit dem Rücken zu ihr, während ich meine Paula in den Gitarrenkoffer lege. Andernfalls würde sie sehen, wie mir vor Unglauben die Gesichtszüge entgleiten.
„Nur ein Gig in einer stinkenden Bar?!“, frage ich und drehe mich dabei energisch zu ihr und unseren beiden Bandkollegen um. Tom sitzt mit gesenktem Blick am Schlagzeug und Roy stimmt seinen Bass nach. Beide versuchen, möglichst unbeschadet aus diesem Disput herauszukommen. Wie immer, wenn Penelope mal wieder tagelang nicht erreichbar war und zu einem Auftritt nicht erschienen ist.
„Pen“, sage ich und versuche dabei erneut, mit einem tiefen Atemzug durch die Nase mein Nervensystem zu beruhigen.
„Diese stinkende Bar ist der After-Hour-Treffpunkt von Tony Bricks und Angus Soltman. Beide sind angesehene Musikagenten. Und du hältst es nicht für wichtig, zu einem Gig in dieser Bar aufzutauchen?“
Ich gerate immer weiter in Rage, will dieses Mal aber nicht wieder den Ärger schlucken, nur um die Wogen zu glätten.
„Wir waren schon beim Soundcheck, als deine Absage kam!“
Mit verschränkten Armen macht sie nun einen Schritt auf mich zu und fixiert mich mit einem angriffslustigen Blick.
„Es gibt nun mal wichtigere Dinge als diese Band.“
„Ganz offensichtlich, Pen.“
Resigniert greife ich nach meinem Gitarrenkoffer.
„Aber weißt du, während du immer wieder kopfüber in deine On- und Off-Romanze mit Trevor springst und alles um dich herum vergisst, haben manche von uns echte Ambitionen.“
Ich mache mich auf den Weg zur Tür, schlucke gegen ein Wutknäuel an, das sich gerade meinen Hals hinaufkämpft, und drehe mich ein letztes Mal zu meinen Bandkollegen um.
„Sorry, Jungs, aber ich kann so nicht mehr weitermachen. Ich bin raus.“
Mit diesen Worten trete ich durch die Türöffnung und lasse das beschwichtigende Gemurmel von Tom und Roy hinter mir.

Wutentbrannt schlängle ich meinen Gitarrenkoffer durch den schmalen Hausflur und nehme erneut einen tiefen Atemzug, als ich auf die Straße trete. Es ist schon dunkel. Die Straßenlaternen erleuchten den Gehsteig, und der Lärm des Tages verklingt so langsam.
Ein leises Murmeln dringt zu mir hinüber. Auf der Suche nach seinem Ursprung blicke ich die Straße hinunter und entdecke sie zwei Häuser weiter, mitten auf dem Gehsteig. Eine junge Frau, schätzungsweise Anfang zwanzig, sitzt dort im Schneidersitz auf dem Boden. Neben ihr liegt ein weit geöffneter Rucksack, und in ihrer Hand hält sie eine winzige Tüte Gummibären. Sie scheint mich nicht zu bemerken, als ich mich vorsichtig von der Seite nähere, um sie nicht zu erschrecken. Wie vertieft kann man denn bitte in eine Tüte Gummibären sein?
„Wenn das nächste Rot ist, gehe ich nach Hause. Wenn das nächste Gelb ist, klopfe ich an jede Tür.“
„Und was ist mit Orange?“, frage ich mit einem verschmitzten Grinsen, weil diese Situation einfach nur skurril ist.
Die nächsten Sekunden nehme ich wie in Zeitlupe wahr. Die junge Frau schreckt hoch, wirft dabei ihren Rucksack um und katapultiert die Gummibären-Tüte hoch in die Luft. Ich mache aus Reflex einen großen Schritt nach vorn und schaffe es tatsächlich, die kleine Tüte aufzufangen, ohne dass sich ein Bärchen auf die Straße verirrt. Das kann man allerdings nicht von dem Inhalt ihres Rucksacks behaupten: Der ergießt sich über den Gehsteig. Murmeln unterschiedlichster Größen und Farben kullern wie wild umher, darunter ein zum Teil zerknitterter Haufen weißer Blätter, bemalt mit unperfekten kleinen Herzen.
„Du scheinst ja viele Verehrer zu haben“, versuche ich, die Situation zu retten. Das Nicht-Erschrecken hat ja super funktioniert.
„Wie bitte?!“
Mit vor Schreck geweiteten Augen starrt sie mich durch ihre dunklen Strähnen hinweg an.Wow. Viele Verehrer? Echt jetzt, Simon?!
„Sorry, ich meinte, wegen der vielen Herzen.“
Ich zeige auf den Stapel Blätter, der sich auf dem Gehsteig verteilt hat.
„Wenn du Vorschulkinder zu Verehrern zählst… Aber das wäre irgendwie etwas creepy und eindeutig gegen das Gesetz“, antwortet sie und fischt dabei Murmel für Murmel von den Pflastersteinen wieder zurück in ihren Rucksack.
„Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Das war nicht meine Absicht. Du warst so vertieft in deine Gummibären.“
„Ja, sie sind mein Orakel. Manchmal brauche ich eine kleine Hilfe. Quasi einen Wink aus dem Universum, was ich als Nächstes tun soll“, sagt sie und zuckt entschuldigend mit den Schultern.
„Und? Was sagt dir das Universum?“
„Noch nichts. Du bist ihm zuvorgekommen. Ich wollte gerade in die Tüte greifen.“
„Dann los!“
Mit einem freundlichen Lächeln nicke ich ihr zu und reiche ihr die kleine Tüte Gummibären, die ich immer noch in der Hand halte. Sie greift hinein und zieht ein Bärchen verdeckt heraus.
„Und? Welche Farbe hast du gezogen?“
„Orange.“
„Na dann ist die Sache doch eindeutig!“
„Ach ja?“
„Orange Gummibärchen sind das international anerkannte Symbol für Kaffeeentzug. Das Universum will dir also sagen, dass du einen Kaffee trinken sollst, um dich zu ordnen.“
„Ist das so, ja?“, sagt sie kichernd und schiebt sich dabei das Gummibärchen in den Mund.
„Ja, und weil ich dich gerade so erschreckt habe, sagt es außerdem, dass ich dich auf diesen Kaffee einladen soll.“
„Okay, halt, stopp. Jetzt wird es etwas wild.“
„Ganz unverfänglich. Nur ein Kaffee. Mehr nicht.“
„Und willst du mir jetzt auch sagen, dass das Universum diesen Kaffee schon um die Ecke für uns bereitgestellt hat? Um diese Uhrzeit?“
Bei der Frage muss ich nun ein wenig kichern.
„Damit liegst du gar nicht so falsch. Ich arbeite im Wildflower Café, nur eine Straße weiter. Und hier …“, ich fasse in meine Hosentasche und hole ein kleines Schlüsselbund mit einem gehäkelten Blumenanhänger hervor.
„… sind die Schlüssel.“