Kapitel 2
Lily
Der gehäkelte Anhänger baumelt vor meiner Nase und erinnert mich an all die abgebrochenen Häkel-Projekte, die in einer großen Kiste in meinem Kleiderschrank versauern. Ein Topflappen, ein Mütze-Schal-Hybrid, ein Yoda, ein ovales Etwas, das mal eine Tagesdecke werden sollte…halbe Stäbchen größtenteils. Das Muster war simpel, aber hübsch. Und das Garn war so teuer. Ich seufze.
„Also?“, fragt der hochgewachsene Kerl und lächelt freundlich. Ich blinzle. Er trägt einen Gitarrenkoffer in der Hand. Ob er leer ist und er bloß die Musiker-Masche abzieht? Wie mein Bruder Chris, der ein Skateboard mit sich herumschleppt, obwohl er nicht fahren kann?
Halb–Bruder. Konzentration, Lily. Er hat dich etwas gefragt.
Durchatmen, lächeln, antworten. Wie ein normaler Mensch. Und den Bauch könnte ich auch einziehen und mich gerade hinstellen.
„Nein.“
Er hebt die Augenbrauen. „Nein?“
„Nein“, wiederhole ich bestimmt. „Ich habe keine Ahnung, wer du bist. Ich gehe nicht mit Fremden mit.“
Abgesehen davon, dass ich wie eine Fünfjährige klinge, bin ich stolz auf die Grenze, die ich setze. All die True Crime-Podcasts haben mich gelehrt, auf der Hut zu sein, besonders in Momenten wie diesen, in denen die Sonne erschreckend schnell hinter den Dächern versinkt und die Luft merklich kühler wird. Ich höre Menschenstimmen, doch sie sind weit entfernt. Immerhin stehen wir an einer großen Straße und hin und wieder saust ein Auto an uns vorbei, ganz unsicher fühle ich mich nicht. Dennoch.
„Nein“, betone ich zufrieden.
Er lacht und lässt den Schlüssel sinken. Beinahe bin ich enttäuscht, aber nur beinahe.
„Wie wäre es damit…“ Er wechselt die Gitarre in die andere Hand und nickt in Richtung der Straße, in der ich das Café vermute. „…ich lasse meine Gitarre bei dir und gehe allein zum Café, um dir einen Spezial-Latte-Macchiato zu machen, mit Karamellsoße, Zimt, einer Prise Kurkuma, nach meinem eigenen Rezept. Den bringe ich dir her und wir plaudern ein wenig. Wie klingt das?“
Ich nicke, leider zu voreilig, denn ich kann Kaffee-Geschmack nicht ausstehen und hätte lieber eine heiße Schokolade. Bevor ich mich dazu durchringen kann, mein Nicken zurückzunehmen, stellt er den Gitarrenkoffer vorsichtig an die nächste Mauer und geht. Ich öffne den Mund, um ihm hinterher zu rufen, schließe ihn wieder, öffne ihn erneut und stecke ein Gummibärchen hinein. Ein Gelbes. Zu spät.
Es juckt mir in den Fingern, in den Gitarrenkoffer zu sehen. Der Höflichkeit halber beschränke ich mich darauf, den Koffer kräftig durchzuschütteln. Es klappert und er ist recht schwer. Dann spielt er vielleicht wirklich Gitarre. Der Koffer steht nun schief und ich verbringe eine anstrengende Minute damit, ihn hin und her zu rücken, bis man ihm die Rüttelei nicht mehr ansieht.
Von dem jungen Mann fehlt jede Spur. Ich muss bei dem Gedanken, dass meine Gedanken klingen, als sei ich bereits in der Menopause, ziemlich breit grinsen, höre damit jedoch auf, als mir mein Smartphone einfällt. Ich esse die restlichen Gummibärchen und überlege, was ich Chris erzählen soll, wenn ich unverrichteter Dinge nach Hause komme. Dass es mit der Audition nicht geklappt hat, liegt nicht einmal an den pinken Sticks oder an der Tatsache, dass ich keinen Schnurrbart habe. Ich habe es einfach nicht auf die Reihe bekommen, wie ein funktionales Geschöpf aus dem Bus zu klettern, mir die Adresse zu merken und mein Smartphone fest in der Hand zu behalten, wenn mir schon bekannt ist, dass ich gerne etwas liegen lasse. Frust braut sich in meinem Bauch zusammen und ich habe Lust, den Gitarrenkoffer nochmals durchzurütteln, doch ich lasse es lieber bleiben.
Wie lange dauert es denn, einen Kaffee zu machen? Habe ich ihm eigentlich gesagt, dass ich keinen Kaffee mag und lieber einen Kakao möchte? Keine Ahnung. Die Straßenlaterne springt an und flackert unangenehm. Ein Auto hupt, das Geräusch schneidet in meinem Ohr und ist viel zu dicht an meinem Kopf. Meine Medikamente lassen nach. Ich habe wohl vergessen, mittags eine Tablette nachzunehmen. Auch das noch. Ich schaue in meinen Rucksack. Er sieht schlimmer aus als sonst, denn ich habe aus Versehen einige Flyer vom Boden mit hineingestopft. An einem klebt ein Kaugummi. Mein Gesicht wird heiß und ich merke, dass meine Zähne knirschen.
Ich kriege wirklich gar nichts heute auf die Reihe.
Wenigstens gibt es gleich bitteren Kaffee. Eigentlich möchte ich einfach nur nach Hause. Ich bin enttäuscht und schlagartig müde, wütend auf mich selbst und angeekelt von den Kaugummi-Resten, die sich in meinem Rucksack verteilen. Auf Leonies Herzchen, direkt unter dem kleinen Regenbogen, der nur aus Rosa und Violett besteht. Auf meinem Smartphone. Auf meinem Smartphone?! Es muss zwischen die Bilder der Kinder gerutscht sein. Dann habe ich es offenbar beiseitegelegt, eingesteckt, vergessen, dass ich es eingesteckt hatte und daran vorbei gesucht.
Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und starre es eine Weile an, dann entsperre ich das Display und schaue nach der Adresse. Ein Stück Kaugummi bleibt an meinem Daumen hängen.
„Hier, dein Spezial-Latte Macchiato!“, sagt der Gitarrist hinter mir. „Tut mir leid, dass es etwas gedauert hat, der erste wurde nicht so gut, wie ich mir das erhofft hatte.“
Ich nehme den Becher entgegen und muss zugeben, dass der Berg Sahne, überstäubt mit Zimt und Kurkuma, ziemlich ansprechend aussieht. Leider riecht er nach Kaffee. Vorsichtig setze ich den Rucksack auf, das klebrige Handy sicher in der Faust. Ich bin zu spät. Aber noch kann ich es schaffen.
„Danke für deine Mühe, der sieht echt klasse aus! Diesmal To Go, ich muss zu einer Audition. Aber es hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Und dass du meine Gummibärchen gerettet hast.“ Ich möchte hinzusetzen, dass ich keinen Kaffee mag, beiße mir aber lieber auf die Zunge. Er hat wirklich Zeit investiert, es ist sogar eine kleine Zimt-Sonne auf der Sahne zu erkennen.
Er runzelt die Stirn. „Oh, ich wusste nicht, dass du eine Audition hast. Singst du?“
„Ich spiele Schlagzeug.“ Ich deute vielsagend auf die Drumstick-Tasche, die ich über meinen Rucksack hänge. „Und jetzt weiß ich wieder, wo ich hinmuss. Es tut mir leid, dass ich jetzt losmuss, aber ich bin schon zu spät. Vielen Dank nochmal für den Kaffee. Drückst du mir die Daumen?“
„Na klar.“ Seine Stirn glättet sich. „Vielleicht kannst du mir erzählen, wie es gelaufen ist? Wenn ich dir meine Nummer gebe?“
Aufgeregt zurre ich die Tasche fest und verschütte beinahe den Kaffee. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie seine Hand zuckt, um mir den Becher abzunehmen.
„Keine Zeit!“ Ich strahle ihn an, meine Energie kehrt zurück. „Aber ich weiß ja, wo du arbeitest!“
Sein Lächeln kehrt zurück und er nippt an seinem Becher. „Dann freue ich mich auf deinen Besuch. Viel Glück, du wirst sie sicher umhauen!“
Halb bin ich erleichtert, halb bin ich enttäuscht, dass er mir nicht angeboten hat, mich zu begleiten. Ich merke erst vor der dunkelroten Tür des Probenraums, dass ich den Becher noch immer in der Hand halte.